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Kuno Kopfgeldjäger

Das unheimliche Wesen war in seine Ruine auf dem Berg Kurda zurückgekehrt, während Kuno Kopfgeldjäger auf dem Weg zu ihm war. Ohne Rücksicht auf sein Pferd jagte er in südöstlicher Richtung mit seinem treuen Gefährten Azig über die Fulkenland-Ebene. Seit drei Tagen und drei Nächten tat der Kopfgeldjäger ohne Pause nichts anderes. Während Azig kein Anzeichen von Schwäche erkennen ließ und seine riesigen Pfoten förmlich über die grasige Ebene flogen, spürte der Kopfgeldjäger die Erschöpfung in seinen Gliedern, doch unermüdlich trieb er sein Pferd an. Seine Wut war es, die ihn wach hielt und ihn seine Grenzen immer wieder überwinden ließ.

Noch vor der Dämmerung an diesem Tag, so hoffte der Kopfgeldjäger, würden sie die Stadt Markon im Süden der Fulkenland-Ebene zu Füßen des Phylake-Gebirges erreichen. Die erste Etappe auf ihrem Weg in die Festungsruine auf dem Gipfel des Berges Kurda hätten sie dann vollendet, aber was dann?

Weiter hatte der Kopfgeldjäger nicht geplant. Zu eilig war er aus Wera, der Stadt an der Meerenge vom Kalten Wasser und dem Breiten Wasser aufgebrochen. Er wusste nur, dass er an diesem grausigen Ort seiner Vergangenheit Hilfe erhalten würde, Hilfe, um auf den Berg Kurda zu kommen.

Am südlichen Ende der Fulkenland-Ebene regierte das platte Land. Der Kopfgeldjäger konnte meilenweit blicken, ohne dass ihm ein Baum, ein Hügel oder gar ein Berg die Sicht zum Horizont verwehrte. Nichts außer unzähligen kleinen Bächen und kniehohem Gras waren neben der Straße zu sehen. An dieser Aussicht hatte sich seit anderthalb Tagen nichts verändert, als sie in die riesige Schleife der Fulke eingedrungen waren. Die Straße führte ihn direkt nach Markon. Kaum ein Dorf lag an ihrem Wegesrand.

Für einen kleinen Moment verharrte der Kopfgeldjäger, nicht für eine Pause, sondern aus Erleichterung. Azig blieb neben dem Pferd stehen und hechelte freudig erregt. Es schien für ihn nur ein kleiner Ausflug zu sein. Sein Kopf hob sich in Richtung des Kopfgeldjägers, der in die Ferne starrte.

„Endlich“, flüsterte er. „Markon!“ Es dämmerte schon, als sich die Stadt langsam am Horizont mit ihren massigen, hohen und unzähligen Türmen erhob.

Vor gefühlt einer Ewigkeit hatte der Kopfgeldjäger nicht ganz freiwillig in dieser Stadt gelebt, die er aus seinem Gedächtnis am liebsten getilgt hätte. Sämtliche Brücken, die ihn noch mit dieser Stadt verbanden, hatte er vor Jahren abgebrochen und dennoch schien ihn die Vergangenheit einzuholen.

„Ironie des Schicksals“, murmelte der Kopfgeldjäger gedankenverloren. Ein fester Tritt in die Flanke seines erschöpften Pferdes und es galoppierte ohne Widerstand weiter. Es wusste, es war zwecklos. Ohne Gnade trieb der Kopfgeldjäger es zur Eile an. Azig folgte ohne zu zögern. Der Kopfgeldjäger wusste genau, dass sein Pferd dieses Tempo nicht mehr lange halten und tot unter ihm zusammenbrechen würde, aber er musste schnell dort sein.

Mit jedem Schritt, mit dem er der Stadt näher kam, durchbrachen unzählige Erinnerungen seine Gedanken. Immer wieder tauchten vergangene Erlebnisse in seinem Kopf auf. Jedes Mal zuckte er in sich zusammen. Es waren Bilder, die ihn quälten und viele dieser Erinnerungen hatte er verdrängt und vergessen gewähnt. Nun kehrte er zu ihnen zurück.

„Nichts und niemand“, hatte er sich geschworen, „wird mich je wieder einen Fuß in diese Stadt setzen sehen. Eher werde ich sterben, als dass ich sie betrete.“ Nicht viele Jahre waren nach seinem Schwur vergangen. Schneller, als er es für möglich gehalten hatte, brach er ihn, ihr zuliebe. Wenn es in seiner Macht stände, würde er Markon dem Erdboden gleich machen, in der Hoffnung sämtliche Erinnerungen aus seinen Gedanken zu tilgen und nie wieder daran erinnert zu werden.

Der Kopfgeldjäger konzentrierte sich auf das Wesentliche - die Ankunft in Markon. Schneller als er es je für möglich gehalten hatte, erreichten sie die Tore der Stadt.

Die Torwachen der Stadt staunten, als sie den heranpreschenden Kopfgeldjäger mit seinem treuen Gefährten auf der Fulkenland-Ebene erblickten. Sie kannten ihn und seinen Hund. Jeder in dieser Stadt kannte die beiden. Zu viele Geschichten waren über ihn im Umlauf, als dass man alle hätte glauben können. Und doch war an jeder ein Funken Wahrheit. Diese Geschichten machten aus ihm ‚den‘ Kuno Kopfgeldjäger, den man beauftragte, wenn man einen Kopfgeldjäger brauchte.

„Siehst du den da?“, fragte die eine Stadtwache mit dem Finger in die Richtung des Kopfgeldjägers zeigend die andere.

„Ist das nicht…?“

„Das ist unmöglich“, unterbrach ihn die Stadtwache. „Und falls doch, dann….“

„Dann ist das kein gutes Omen.“

„Mit ihm kommt Leid und Verderben in die Stadt, wie damals.“

„Er kommt mit seiner Bestie.“

„Die Schöpferin unserer Welt Oida und unser Schöpfer der Zeloo sollen uns vor ihnen behüten“, sprach einer der Stadtwachen ehrfurchtsvoll. Zu tiefe Wunden hatte einst der Kopfgeldjäger in die Stadt gerissen, als dass die Bevölkerung sie nach der kurzen Zeit der Abwesenheit dieses Menschen hätte vergessen können.

„Sollen wir ihn aufhalten? Ihm den Einlass in die Stadt verwehren?“, fragte der andere Wachsoldat.

Ohne dass er aufgehalten worden wäre, ritt der Kopfgeldjäger währenddessen durch das Haupttor der Stadt, die breite Hauptstraße entlang, bog ab, ritt ohne Rücksicht auf andere durch die kleine Straße, um eine der steinernen Brücken, die über den Fluss führten, zu überqueren. Er gelangte so in den ältesten Teil der Stadt. Er kannte sich in dieser Stadt aus wie in seiner Westentasche. Hier würde sich in tausend Jahren nichts ändern. Ein Labyrinth aus unzähligen kleinen und engen Gassen führten den Kopfgeldjäger und Azig direkt zu einem Haus, welches wie jedes andere in diesem Viertel aussah. Aus Lehm gefertigt und mit einfachen Holzschindeln gedeckt, unterschied es sich nur in einem Punkt von all den anderen. Hier lebte der Mann, den der Kopfgeldjäger aus seinem Gedächtnis verbannt hatte. Nicht weil er ihn hasste, ganz im Gegenteil, mit ihm verband er die wenigen guten Erinnerungen, sondern weil er in dieser von ihm verabscheuten Stadt lebte. Und diese Person würde ihm doch helfen, den Weg zum Berg Kurda ebnen und ihm ein Bett für eine Nacht bieten, damit er sich etwas erholen konnte, falls dieser Mensch noch lebte.

Kaum hatte der Kopfgeldjäger das Haus erreicht, sprang er von seinem Pferd und lief zur Tür des kleinen Hauses.

„Halt wache und lass niemanden ins Haus, Azig!“, wies er seinen treuen Gefährten an. Er klopfte nicht, wie es die Höflichkeit gebot, sondern betrat ohne den entsprechenden Respekt das Haus. Die schwere Holztür öffnete er mit Schwung, sodass sich die Klinke der Tür in die Wand bohrte.

„Hauptmann, wo steckt ihr?“ Er erhielt keine Antwort. Er wiederholte seine Frage, doch auch beim zweiten Mal erklang die Stimme des Hauptmannes nicht. Kuno Kopfgeldjäger fluchte: „Verdammt. Er müsste längst hier sein.“ Der Wechsel der Wachen fand immer zur gleichen Zeit vor der Nacht statt und diese war über die Stadt hineingebrochen. Niemand würde diese Tradition je ändern, zu sehr waren sie von ihren Ängsten geleitet, als weniger Wachen auf den Zinnen zu haben.

Kuno Kopfgeldjäger schaute sich im Haus um. Nichts hatte sich verändert: einfach und schlicht. Ein Tisch, drei alte Holzstühle, ein Bett und ein Schrank standen im Wohnbereich. In der Kochnische, die durch einen einfachen löchrigen grauen Vorhang abgetrennt war, fand er nur die kalte Feuerstelle und ein Regal mit ein paar alten Lebensmitteln vor. Lange war es her, dass hier jemand gekocht hatte, erkannte er mit geübtem Blick. Die Staubschicht auf den Lebensmitteln im Regal zeigte dies deutlich. Konnte es möglich sein, dass der alte Hauptmann gar nicht mehr lebte?

Sich dem Wohnbereich zuwendend, erblickte der Kopfgeldjäger den alten Hauptmann. Ein Gefühl der Erleichterung durchflutete den Kopfgeldjäger. Mit gezogenem Messer stand er im Raum. „Kopfgeldjäger!“, sprach er erstaunt. „Du bist es wirklich.“ Der alte Hauptmann war deutlich gealtert. Sein grauer Bart, seine leicht gebückte Haltung, gestützt auf einem Stock und seine müden Augen verrieten viel über ihn.

„Hauptmann!“, begrüßte Kuno Kopfgeldjäger ihn freundlich. „Legt das Messer weg.“ Der alte Hauptmann war eines der wenigen Wesen, welchem der Kopfgeldjäger mit etwas Respekt begegnete.

„Hauptmann außer Dienst, mein alter Freund!“, verbesserte er ihn, blickte auf das Messer und sprach, während er es wegsteckte: „Man kann nie wissen, wer ohne Vorankündigung in sein Haus kommt. Auch heute noch ist es schwer mich zu überwinden.“

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"Zeitalter des Lichts"

Zensierter Prolog vom Bundesministerium für Magie

Als ich meine Frau kennenlernte, hielt ich von dem ganzen Hokuspokus nichts, den sie las. Sie tat es gerne. Vor allem Fantasy-Bücher jeglicher Art verschlang sie mit großer Begeisterung. Ganz besonders war ihr dieser Junge mit der Narbe auf der Stirn ans Herz gewachsen. Ich hatte zwar die Herr-der-Ringe-Trilogie gelesen, und mein Herz schlug schon damals für Gandalf dem Grauen, aber so richtig warm wurde ich mit dem ganzen Fantasy-Gedöns erst nach einigen Jahren. Und genau deswegen muss ich euch unbedingt meine Geschichte erzählen.

Hexen, Zauberer, Magie, Zauberstäbe, Zaubertränke und womöglich noch Flüche, wie in Harry Potter, Bibi Blocksberg, Krabat, Charmed oder gar Buffy waren für mich schnöder Nonsens.

Hatte der Otto-Normalverbraucher nicht genug Magie in Büchern? Warum erhielt sie unbedingt Einzug in die reale Welt? Doch was ich nicht ahnte, die Magie war längst Bestandteil meiner realen Welt geworden. Oder sollte ich besser sagen, meine reale Welt hatte Einzug in die der Magie erhalten?

Magie ist etwas Ursprüngliches, etwas, dessen Ursprung man nicht erklären kann. Sie stellt selbst die Wissenschaft vor Rätsel und ist für den normalen Verstand nicht begreifbar. Warum ist das so? Keine Ahnung. Ich bin ein Muggel – ein Nichteingeweihter - oder wie die Hexen in der realen Welt sagen: ein Unfähiger, ein Normalo.

Ich gebe zu, als Kind habe ich gerne Filme mit Magie geschaut, ob mit Susan Hayward „Meine Frau, die Hexe“ oder mit Barbara Eden „Bezaubernde Jeannie“. Aber das ist noch lange kein Grund dafür, dass man daran glaubt oder dass es sie wirklich gibt. Außerdem bin ich viel zu katholisch erzogen worden, als dass ich daran glauben konnte und durfte. Natürlich habe ich „Der Exorzist“ von 1973 im Keller des Gemeindehauses auf einer Messdienerfortbildung im Harz heimlich geschaut, während der Priester seine Hostien mit dem Ausbilder zählte. Dass die katholische Kirche auf Hexenjagd geht und die bösen Geister austreiben wollte, ist schließlich allgemein bekannt. Man denke nur an das Ende des Mittelalters. Da gehört es zum guten Ton als Priester wenigstens eine Hexe in seiner Laufbahn entlarvt zu haben. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass in Rom eine ganze Abteilung vorhanden sein soll, die sich mit dem Phänomen der Hexerei auseinandersetzt – also heute im 21. Jahrhundert. Selbst die katholische Kirche sollte begriffen haben, dass dies Mumpitz ist. Wobei man sich dann doch fragen sollte, wozu ist die katholische Kirche eigentlich nicht fähig? Nach meinem heutigen Wissensstand halte ich eine derartige Einrichtung nicht nur für durchaus möglich, sondern für äußerst wahrscheinlich.

Okay, ich gebe zu, dass ich zu keinem Zeitpunkt meines bisherigen Lebens ein Realist war, auch heute nicht. Ich lebe schon irgendwie in meiner ganz eigenen Welt, aber als meine Frau mir beichtete, sie sei eine Hexe, brachte mich diese Aussage schier an den Rand des Wahnsinns. Ich wollte und konnte es nicht glauben. Diese Aussage ließ mein normaler Menschenverstand einfach nicht zu. Doch ihre Argumente waren sehr überzeugend.

Natürlich war ich meiner Frau nicht böse, weil sie eine Hexe war. Um Gottes Willen, dazu bin ich wohl dann doch allen Lebenswesen gegenüber zu liberal, doch hatte sie mich in eine Welt geschubst ohne zu fragen. Die Höflichkeit gebot die Frage: „Hase, hast du Interesse an einer neuen Welt, vielleicht gar mit Magie?“ In dieser abstrusen und verrückten neuen Welt suche ich bis heute meinen Platz.

Ich habe meiner Mutter von meinem erlebten berichtet. Sie glaubte mir kein einziges Wort. Daher dachte ich, wenn sie mir schon nicht glaubt, dann kann ich diese Geschichte wunderbar als Buch verarbeiten.

 

Als ich meine Frau ehelichte, wusste ich nicht, dass sie eine Hexe war. Ihr Name hätte mich wohl darauf bringen können, aber wie abwegig verdammt noch mal war das bitte! Wer schließt denn bei dem Namen Beatrix Besenreiter gleich auf Hexe!!! Schließlich sind Menschen, die Adolf heißen, nicht gleich Hitler oder umgekehrt. Oder Kinder die Kevin, Jaqueline oder Michelle heißen, sind nicht partout dumm. Auch wenn ich das tagtäglich widerlegt bekomme….

Ach so, ich hätte erwähnen sollen, dass ich hauptberuflich als Lehrer an einer der hiesigen staatlichen Bildungseinrichtungen tätig bin.

Ich gebe zu, dass meine Frau nach unserem ersten Date über sich nicht viel erzählt hat, nur dass sie aus irgendeinem gottverlassenen Dorf jenseits der Zivilisation zwischen Gera und Altenburg im Thüringer Becken stammte. Und sich Generationen ihrer Vorfahren sich damit begnügten haben, dort zu leben. Nach ihrer Angabe erhielt das Dorf erst Ende der 1980er Jahre Strom und fließend Wasser. Sie übertrieb, aber als wir es gemeinsam besuchten, verstand ich, was sie meinte. Handyempfang war ein aussichtsloses Unterfangen, Internet gab es nur vereinzelt und die Gebäude besaßen noch immer den Charme des klassischen, sozialistischen Graubrauns der Deutschen Demokratischen Republik. Auch dass sie unwahrscheinlich gerne im Garten herumwühlte, ließ mich nicht stutzig werden, wieso auch. Alle ostfriesischen Nachbarn, seien sie noch so verschroben, werkelten ununterbrochen in ihren ostfriesischen Grünanlagen herum. Muss ja alles im rechten Winkel sein.

„Zu einem richtigen Garten gehört ein Kräutergarten“, sagte einst der Vater meiner Frau. Sie legte einen an. Es war nicht so, dass nur sie ihn nutzte. Ich schnippelte ebenfalls ständig an den Kräuterpflanzen herum, um mir ein paar Stängel ihrer Kräuter zum Kochen zu stibitzen. Und dass sie sich immer wieder Rat bei ihrem Vater holte, überraschte mich nun auch nicht. Schließlich hatte er hinter seinem Haus in Thüringen, ihre Eltern waren geschieden, einen riesigen Garten. Unter Gärtnern tauscht man sich gerne mal aus und dazu kam noch, dass sie seine Tochter war. Er half ihr bei jedem kleinen Zweig.

Wie sollte ich von ihrem Namen Beatrix Besenreiter, das groß werden in einer von Gott vergessenen Gegend und ihrer Leidenschaft für die Gärtnerei auf Hexe schließen? Wenn es so wäre, dann wäre in Ostfriesland jede dritte Frau eine Hexe. Wobei das würde mir einiges erklären. Doch da legte meine Frau, als ich ihr meine These über Ostfriesland präsentierte, gleich ein Veto ein. Sie sei, so wurde es ihr versprochen vom Bundesamt für Magie die einzige Hexe in ganz Ostfriesland.

Zu meiner Verteidigung sei euch mitgeteilt, dass ich über all das, was ich heute weiß, damals absolut nichts wusste, als ich ihr einen Heiratsantrag während des Studiums in Erfurt machte. Knapp vier Jahre später heirateten wir in Ostfriesland. Nichts deutete darauf hin, dass sie eine Hexe sein könnte. Gut, ich gestehe, dass ich an so etwas glaubte. Hätte ich wohl die Zeichen erkannt, aber wer von euch glaubt an HEXEN? Und schon gar nicht wusste ich irgendetwas über ihre magische Welt.

Dadurch, dass ich mich entschieden hatte, sie zu heiraten, bin ich automatisch vollkommen ahnungslos in diese Welt hineingestolpert.

Wusstet ihr, dass Hexen bundesweit wie Bundesbeamte verteilt werden? Meine Frau studierte ganz normal in Erfurt. Sie sagte: „Sprachwissenschaften.“ Inzwischen weiß ich, dass dies nicht stimmte. Es war die Linguistik der Zaubersprüche. Also nur die halbe Wahrheit. Es handelte sich dabei um, wie man sprachwissenschaftlich die Zaubersprüche analysieren und interpretieren kann, um mehr Effektivität in sie zu bekommen. Sie erklärte es mir einige Male, verstanden habe ich nichts. Anschließend ging sie nach Chemnitz um dort interkulturelle Kommunikationswissenschaften zu studieren. Vielleicht hätte ich an dem Punkt hellhörig werden müssen, aber ich tat es nicht. Ich fragte einmal nach, was sie genau studierte, doch ihre Antwort verwirrte mich mehr, als dass es verstand. Ich antwortete nur: „Klar logisch! Jetzt verstehe ich.“ In Wirklichkeit dachte ich: „What the fuck?“ Es war ein Hexenstudium, getarnt in den öffentlichen Gebäuden einer Universität. Und auch hier war es nur die halbe Wahrheit. Sie studierte interkulturelle Kommunikationswissenschaften mit Schwerpunkt Internationalität der Magie. Für mich war nun nachvollziehbar, dass es in den chronisch überfüllten Hörsälen immer die Gleichen traf, die gewissen Seminare nicht besuchen konnte. Das Los entschied. Jetzt weiß ich es besser. Gewisse Seminare waren nur für Hexen bestimmt. Wir, die Unfähigen, sollten diese Kurse nicht besuchen.

Sie erhielt schließlich von der Bundeszentrale der Magie an der Hochschule in Emden vor drei Jahren eine Stelle. Ich bekam vollkommen überraschend eine Stelle als Lehrer in Leer. Wie lange hatte ich mich nach einer Stelle als Lehrer gesehnt und mich beworben. Eine Absage nach der nächsten trudelte damals ein. Ich war schier verzweifelt und hatte es schon aufgegeben und sah mich in anderen Bereichen um, wie dem Arbeitsamt um das Arbeitslosengeld zu beantragen. Doch dann klappte es für mich vollkommen unerwartet. Ich erhielt einen Anruf und wurde zu einem Vorstellungsgespräch ausgerechnet in der ostfriesischen Einöde, zwischen Deichen, Schafen und Wiesen eingeladen. Dabei konnte ich mich nicht mal mehr daran erinnern, dass ich mich dort beworben hatte. Zufall? Nein! Es war alles vom Bundesministerium der Magie eingefädelt worden. Ich erhielt die Stelle noch einem vollkommen verkorksten Vorstellungsgespräch. Es waren nicht meine Leistungen, sondern meine Frau hatte irgendetwas ausgefressen. Sie war in irgendeinem Schutzprogramm für Hexen geraten, denn irgendetwas war in Chemnitz vorgefallen, von dem ich nichts mitbekommen hatte. Wie auch? Während ich mein zweites Staatsexamen in Halle(Saale) absolvierte, studierte sie in Chemnitz. Wir sahen uns nur am Wochenende. So waren wir zusammen in Ostfriesland gelandet.

Fassen wir kurz zusammen: Ich lebe in Ostfriesland mit einer Hexe, die ich geehelicht habe in einer Art Märchen, bin umgeben von Magie, Hexen und einem Schutzprogramm, von dem ich noch erfahren sollte und bin vollkommen ahnungslos.

Für mich wirklich begreiflich wurde das Ganze, erst ab dem Zeitpunkt, als ich in der Innenstadt von Erfurt in einem der kleinen Gässchen am Dom von einem Troll, zwei Kobolden und drei Hexern angegriffen wurde. An dem Punkt wurde mir glaube ich bewusst, in welche Welt und Geschichte ich da geschliddert war.

In Wirklichkeit ist die Welt fast wie in den Harry-Potter-Büchern von Frau Rowling. Womöglich ist sie selbst eine Hexe, sonst würde sie nicht so gut über diese ganze Welt Bescheid wissen, aber um rechtliche Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, erkläre ich hiermit, dass dies nur eine Vermutung ist und ich es nicht weiß, sondern nur eine Schlussfolgerung aus dem ist, was ich erlebt habe. Ob nun diese Aussage richtig ist oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis. Dennoch sind die Parallelen frappierend zwischen dem, was sie in diesen Büchern berichtete, und was ich erlebt und erfahren habe. Und da kein Unfähiger darüber berichten darf, ausgenommen man kann es nicht für bare Münze nehmen, kann Frau Rowlings nur eine Hexe sein.

In einem Punkt kann ich euch beruhigen. Die ganzen Personen, wie Harry, Hermine, Ron, die Familie Weasly, der Tod des einen Zwillings oder gar einen Lord Voldemort hat es nie gegeben. Auch muss ich die enttäuschen, die glauben, es gäbe Hogwarts. Nein, gibt es nicht.

Aber so unter uns. Viele Hexen haben als treuen Begleiter oft einen Hund. Und sie nennen ihn egal welche Größe der Hund besitzt Hagrid. Das ist eine Anekdote, die ich sehr gerne erzähle und liebe. Jeder kennt und liebt Hagrid den Halbriesen, den Professor und Wildhüter von Hogwarts. Ach so, Dobby konnte gar nicht sterben, weil es keine Hauselfen gibt, zu Mindes habe ich bisher keine kennengelernt. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.

Im Zuge meiner zweiten Staatsprüfung ging ich eine Wette mit meiner Frau ein, verlor sie und habe die Geschichte des Harry Potters lesen müssen. Das war der offizielle Einstieg in die Welt der Fantastik in zweierlei Hinsicht. Ich begann mich für sie zu interessieren und ich erhielt einen Einblick in die Welt meiner Frau, auch wenn ich es nicht wusste, dass es so ein Blick in ihre Welt war. Sie hatte schließlich jahrelang darauf beharrt, dass ich dieses siebenteilige Werk lese und nicht nur in der Glotze anschauen solle. Jetzt verstehe ich warum.

Es gibt in unserer Bundeshauptstadt Berlin natürlich ein Bundesministerium für Magie und auf Länderebene in den Landeshauptstädten natürlich auch.

Welche Aufgaben dieses Ministerium übernimmt? Soweit ich die Erfahrung gemacht habe, verwalten und beobachten sie die Wesen, die nicht magisch sind, aber von der Welt wissen, beseitigen Magieunfälle und versuchen mit aller Macht zu verhindern, dass die magische Welt unter den Unfähigen bekannter wird, als sie es durch Bücher und Filme schon ist. Alle Ministerien der Magie sind mit einer Art Rohrpost verbunden… wie auch immer das funktioniert und somit über jeden Störfall in kürzester Zeit informiert. Teilweise erschreckend schnell! Ich habe es selbst gesehen, miterlebt und konnte es nicht glauben (Davon wird nicht in diesem Buch berichtet). Hexen haben eine ganz eigene Welt. Sie sind in Verbänden, Vereine und Gewerkschaften organisiert, haben eigene Schulen, wobei die Hexen zusätzlich zu einer normalen Schule gehen, eine eigenen Krankenversicherung, eigene Wettkämpfe und vieles mehr. Ihr würdet staunen. Wir bekommen absolut gar nichts davon mit.

Kurioserweise gibt es nur wenige männliche Hexen, doch dafür bin ich über verdammt viele gestolpert. Für dieses Phänomen ist keine Erklärung vorhanden. Die wenigen Hexer haben sich meist nicht mit Ruhm bekleckert und sind in unserer Welt bekannt. Beatrix meinte, dass die männlichen Hexer unbedingt berühmt werden wollen. Nur um ein paar Beispiele zu nennen, denn ihr kennt einige: Hermes Trismegistos, der Urvater der Magie, Merlin aus der Artussage, Doktor Faustus, der einen Pakt mit dem Teufel einging oder Rasputin, am Hof der russischen Zaren und viele weitere. Natürlich darf ich keinen der heute lebt hier nennen, der noch lebt, aber ein Michael Jackson war ein Hexer und ein verdammt guter noch dazu. Aber die Liste kann man beliebig weiterführen. Eine Hexe taucht unter den genannten nur auf, wenn sie im späten Mittelalter auf irgendeinem Scheiterhaufen in irgendeiner ländlichen Gegend gebrannt hat.

„Wobei“, sprach eine Hexe, die ich kennenlernte zu mir, „unter den ganzen Namen gab es nach heutigem Wissen keine einzige wirkliche Hexe. Alles Menschen, die andere Menschen loswerden wollten. Es war für die Menschen ein leichtes Unterfangen jemanden als Hexe zu bezeichnen. Man bezichtigte einfach jemanden und dann wurde getestet. Starb die Person beim Test, keine Hexe. Überlebte die Person, war sie eine Hexe. Dann gab es den Scheiterhaufen, der es richtete. Wobei niemals jemand den ersten Test überstanden.“

Ich hätte ganz gut ohne dieses Wissen leben können, aber das Schicksal wollte es anders. Denn einen auf den anderen Tag war ich einer neuen Welt und mein ruhiges und besinnliches Leben war schlagartig vorbei.

 

Ihr fragt, ob ich meine Frau geheiratet hätte, wenn ich es vorher gewusst hätte? Was ist das für eine bescheuerte Frage! Natürlich, nur hätte ich das alles, was so plötzlich drei Jahre nach unserer Hochzeit auf mich hereinbrach, besser verarbeiten können. Nein, vorbereitet wäre ich auf das Ganze nie im Leben gewesen.

Ach, bevor ich es vergesse. Um die Geschichte besser zu verstehen zu können, die ich euch erzähle, müsst ihr nur noch eine Sache wissen: Es gibt gute und böse, schöne und hässliche, grausame und fürsorgliche Hexen.

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Hexeologie und andere Wahnwitzigkeiten

Entstehung der Fünf Welten

Aus dem Medeis

Er war da, weil er da sein sollte. Er war da, weil er der Letzte aus einer vergangenen Zeit war. Er war da, weil er der Einzige der Seinen war.

Er war aus einer Zeit, die vor allem anderen war. Er war aus einer Zeit, die noch vor dem Beginn dessen stand, was er erschaffen würde. Er war aus einer Zeit, die sich selbst verschlungen hatte.

Er war der Überlebende eines Zeitalters, welches keine Bedeutung mehr besaß. Er war der Letzte und zugleich der Erste. Er war das Ende und zugleich der Anfang.

Er war der Zeloo.

Der Zeloo regierte das Medeis, das Nichts, die ewige Leere.

Er war Herrscher dessen, was er sah und was es noch geben würde.

Er war der Herr über allem und über alles, was es noch geben würde und was es noch gab.

Und das war das Medeis.

 

Das Medeis war in Dunkelheit getaucht, doch in ihr gab es nicht nur sie sich selbst, sondern auch die Finsternis. Eine schwarze, undurchsichtige wolkige Masse, die es schon zu Zeiten vor dem Zeloo gab. Die Finsternis würde es auch nach dem Zeloo noch geben. Sie war Bestandteil des Medeis, wie der Zeloo aus dem Medeis einst hervorgegangen war.

 

Diese Finsternis konnte der Zeloo trotz seiner Fähigkeiten weder beseitigen, noch durchschauen. Sie war da, weil sie wie er, da sein sollte und sie würde bleiben, so wie der Zeloo bleiben würde.

Der Zeloo wusste nicht, was es dort gab. Der Zeloo glaubte nicht, dass es dort etwas gab. Nachdem sich die Welten selbst und alles was sie umgab, selbst verschlungen hatten, war aus der Finsternis nichts gekommen, um zu zeigen, dass die Finsternis gesiegt hätte. Die Finsternis schwieg.

Der Zeloo war der Erbauer, der Gestalter, der Initiator, der Einzige, der Letzte. Er war der Überstehende aus einer Zeit, die sich selbst verschlungen hatte.

Der Zeloo regierte das Medeis, das Nichts, die ewige Leere.

Er war Herrscher dessen, was er sah und was es noch geben würde. Er war der Herr über allem und über alles, was es noch geben würde und was es noch gab.

Und das war mehr als die Dunkelheit mit seiner Finsternis.

Er war das Licht, die die Hoffnung und die Sehnsucht nährte.

Er war der Zeloo.

 

Die Finsternis

In der Sprache der Götter bedeutete sein Name ‚etwas im Eifer tun‘. Er trug seinen Namen mit Stolz und nahm ihn wörtlich. Er wollte seinem Namen alle Ehre machen. Seine Gedanken kreisten stets um das Licht, denn das Licht wäre die Zukunft, denn die Dunkelheit war das Vergangene.

Hoffnungsvoll und voller Sehnsucht richtete er seinen Blick in die Zukunft, um das Nichts wieder mit Leben, wie es einst überall herrschte, zu füllen. Er überlegte, was es benötigt, damit es wieder Leben geben würde. Licht und Wärme waren zwei Grundlagen des Lebens. Mit diesem Wissen ließ er irgendwo im Nirgendwo durch die Kraft seiner Fähigkeiten einen glühenden, riesigen und flammenden Feuerball entstehen.

Das entstandene Licht war die Gegenwart und zugleich die Zukunft. Es verdrängte die Dunkelheit – das Vergangene. Die Finsternis verlor ihren Einfluss auf die Dunkelheit und verlor damit an Macht und Größe. Die Finsternis war nur noch ein Schatten ihrer selbst, und würde die Größe, die sie einst besaß, nie mehr besitzen, so langes es den Zeloo gab.

Dennoch war sich der Zeloo bewusst, dass er die Dunkelheit mit ihrer Finsternis nie besiegen könnte. Denn sie bestand schon vor ihm selbst und war schon immer fortwährender Teil dessen, was es gab. Er konnte die Dunkelheit nur überlisten.

Der Zeloo band die Dunkelheit mit in seine Schöpfung – dem Licht – ein. Trotz oder wegen dem Bewusstsein, dass aus der Finsternis bisher nichts Gutes erstanden war, musste sie Teil dessen werden, was er gedachte zu erschaffen. Damit das, was er erschuf, Bestand haben würde. Denn das was er gedachte zu erschaffen, sollte von Grund auf gut sein. So hoffte der Zeloo könnte er etwas erschaffen, was von Dauer war und kein Ende kennen würde.

Denn die Finsternis im Medeis war einst der Beginn des Untergangs des Vergangenen. Aus der Finsternis erstiegen die Dämonen des dunklen Lichts, die Frucht allen Übels, die die Welten, wie sie der Zeloo kannte, bis auf das Letzte verschlangen. Er war der Letzte, der dies erlebt hatte und er war der Letzte, den es noch gab. Er war nicht der Bezwinger der Finsternis, aber er hatte den Sturm der Finsternis überlebt.

 

An diese vergangene Zeit erinnerte kaum mehr etwas. Nur vereinzelte Trümmer der vernichteten Welten schwebten in weiter Ferne durch das Medeis. Sie schwebten weit entfernt von der Finsternis. Unerreichbar für jeden, der sie erreichen wollte. Unerreichbar für jeden, der Böses erdachte, um das was der Zeloo schaffen wollte, zu vernichten.

Die Reste waren Mahnmale des Vergangenen und mahnten den Zeloo, was mit den Seinen geschehen war. Sie waren Mahnmale der Arroganz der Seinen. Mahnmale des Größenwahns der Seinen. Mahnmale von Welten, die sich einst selbst verschlangen. Und das sollte sich nicht wiederholen.

Der Zeloo legte einen Eid vor sich selbst ab, da es keinen anderen mehr gab, vor dem er einen Schwur hätte ablegen können. Er schwor, dass die Dämonen, die einst den Untergang seiner Welten verschuldeten, nie wieder aus der Finsternis erstehen sollten. Er schwor, dass sie niemals wieder die Macht besitzen sollten, derartiges zu tun. Nie wieder sollten die Dämonen der Finsternis körperliche Gestalten annehmen und ihr Werk der Zerstörung vollziehen. Nie wieder sollten sie seine Schöpfung von den Bestien der Finsternis bedroht sein. Nie wieder sollten sie eine Rolle spielen.

 

Einen Verbündeten hatte er sich schon erschaffen: Seinen Feuerball. Seine hell goldenen und kraftvoll lodernden Strahlen schickten eine eindeutige Botschaft tief in das Medeis. Das Zeitalter des Lichts hatte begonnen.

Seine Strahlen erleuchteten die Dunkelheit, so dass die Finsternis weiter schwand. Doch er musste sich erst vergewissern, dass aus der Finsternis nichts Böses mehr erwachsen könnte. Er zwang sich in die Finsternis mit dem Bewusstsein, dass er nicht zurückkehren könnte, falls sich noch ein Dämon in ihr versteckte. Doch er fand in der Dunkelheit des Nichts nur die Finsternis selbst. Er sah, hörte, fühlte, roch und schmeckte nichts. Nichts verriet, ob sich noch etwas tief in der Finsternis versteckte. Der Zeloo fühlte sich bestärkt, dass durch die Vernichtung dessen, was einst war, die Dämonen der Finsternis mit vernichtet worden waren. Doch er vertraute seinen Sinnen nicht, sondern vertraute seiner Vorahnung. Um jede Gefahr auszuschließen, band er die Finsternis in sich selbst. Es sollte ein Kerker sein. Ein Kerker, der die Finsternis einschloss. Ein Kerker, der die Finsternis nie wieder entlassen würde. Ein Kerker, in den es nur ein Hinein, aber nie wieder ein Hinaus gäbe. So warb er ein engmaschiges, unsichtbares und magisches Netz um die Finsternis. Nichts, was jemals daraus hervorgehen wollte, konnte dieses Netz durchbrechen. Die Finsternis war in sich selbst gefangen. Gefangen in der Ewigkeit ihrer eigenen Finsternis.

LETZTE NACHRICHTEN

 

29. Juli 2017

Neuer Erscheinungstermin

 

28. September 2017

Lesung Hamburg - 'Komm du'

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28.09.2017

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Hamburg - 'Komm du'

 

01.10.2017

ab 15 Uhr

Altenburg - Café Horizont